Knot 2019: Künstlerinnen

Knot 2019 : Konzept | Programm | Künstlerinnen | Förderer & Partnern

Sylvie Marchand: Dokumentarfilm Elvira Palma

Sylvie MarchandSylvie Marchand ist Ethnologin, Filmemacherin und Multimedia-Künstlerin bei der Gigacircus Company. Ihre Arbeit erforscht die
Wurzeln der Kunst im Ritual und setzt sich für kulturelle Mobilität ein. Sie hat viele Kunstprojekte mit indigenen KünstlerInnen in Amerika und Asien entwickelt sowie mit Einwanderern aus der ganzen Welt.

Sylvies Landsmann Antonin Artaud besuchte 1936 Mexiko. 21 Jahre später, also 1957, veröffentlichte der Verlag Editions de L’Arbalete „Die Tarahumaras“, eine Sammlung der Schriften des französischen Dichters über seine Erfahrung mit den Raramuris. Wegen der großen Kluft, die zwischen der mündlichen Kultur, der Schrift und der indigenen Sprache der Rarámuri klafft, erhielten die Raramuris niemals Zugang zu den Schriften Artauds.

Im März 2008 fuhr Sylvie in Rahmen eines Performance-Festivals in die Tarahumara-Berge. Nach einer ersten Erfahrung in Norogáchic wurde ihre die Bedeutung des „Geistes“ der Raramuri bewusst, die sich in Artauds Werk manifestiert, und die kritische Haltung des französischen Autors gegenüber den westlichen Kunstformen stark beeinflusst hat.

Seit 2010 filmt Sylvie die Zeremonien der Tarahumara (also der Tutuguri, Yumari, Tesgüino, Matachines und Pintos) in Norogáchic. Während ihrer Forschungsaufenthalte stieß sie dabei auch auf überraschende Erzählungen über die Anwesenheit eines französischen Dichters namens „Antonio Artahou“ zwischen den Orten Norogachic („Ort der Tränen“) und Narárachic („Spirale der Schamanen“).

Frucht dieser Arbeit sind Interviews mit den Dichtern Elvira und Erasmo Palma. Seit Februar 2013 hat sie begonnen, die Geschichte von dem französischen Dichter, wie sie die Tarahumara erzählen, zu dokumentieren, um dadurch die Dichtung und orale Literatur der Tarahumara des 21. Jahrhunderts zu entdecken und weiterzuverbreiten.

Im Gegenzug hat sie ihnen den Text von Artaud, „Tarahumaras“, vorgelesen und so einen dichterischen Austausch begonnen. Im Rahmen eines Artist in Residence-Stipendiums in der Villa Waldberta im August und September 2019 wird sie das Filmmaterial über Elvira und Erasmo Palma aufarbeiten und schneiden. Im September kann dann der Film während des Festivals gezeigt werden. Zusammen mit Claudia Urrutia werden die Ergebnisse von „Voz Láctea“ – Magdalena Tarahumara gezeigt. Magdalena Tarahumara „Voz Láctea“ hat in Mexiko im Mai 2018 stattgefunden. Das Thema dieses Festivals war „Muttersprache“, war ein künstlerischen Austausch zwischen den lokalen Rarámuri Frauen und internationalen Künstlerinnen.

Dorothea Seror: Knüppern und Prünen

Dorothea SerorDorothea Seror st Konzeptkünstlerin, die mit ihren eigenen künstlerischen Arbeiten auf internationale Biennalen in Holland und Nigeria eingeladen wurde, zu Festivals in Europa, China, Lateinamerika und Afrika. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit dem Thema Recycling. Für sie ist die Lösung des weltweiten Müllproblems offenkundig. Statt neue Resourcen abzubauen, verwendet sie bereits gebrauchte Materialien einschließlich eigener älterer künstlerische Arbeiten, und erschafft daraus neue, so dass ihr eigenes Werk ständig einem Erneuerungsprozess unterworfen ist. Damit ist das Produkt der Arbeit nicht nur das, was im Resultat sichtbar ist, sondern enthält auch die Informationen der vorangegangenen Nutzungen. In ihrer Arbeit weist sie auf die Verantwortung und die Fähigkeit des Menschen hin, Einfluß zu nehmen auf das eigene Leben und die Umwelt. Sie untersucht Rituale und anderen spirituellen Praktiken verschiedener Kulturen, die dazu beitragen, das Leben auf dem Planeten zu verbessern.

In der Serie „Knüppern und Prünen“ verwende ich ausschließlich bereits vorhandene Materialien, die ich miteinander verknüpfe und verknote. Dabei mische ich Materialien und Webtechniken. Ich versuche, kein Material neu zu erwerben, da ich mit meiner Kunst keine industrielle Produktion ankurbeln möchte.

Als „Prünen“ wurden in meiner Familie etwas abfällig meine Bastelarbeiten in der Kindheit bezeichnet, da die Ergebnisse „schlampig“ aussahen. Ich nutze bewusst simple manuelle und antike Techniken (nicht technisierte oder industrialisierte), um diese
„unperfekten“ Resultate zu erzeugen. Der Prozess der Herstellung, das Weben und Knoten, die Umstände und die Herkunft des Materials sind jeweils mit einem Konzept verknüpft. So verwende ich zum Beispiel die Hemden meines verstorbenen Vaters, um Matten zu weben oder stelle mit den Kleidern der gerade verstorbenen Mutter eines Freundes bei einer Shiva (7 tägiges jüdisches Trauerritual) in Israel Sitzgelegenheiten für die Trauernden her.

Das Weben und Knüpfen schafft einen haptischen Zugang zu den Personen und zu Erinnerungen, die mit den „TrägerInnen“ der verwendeten Kleidung verbunden sind. Das fertige Produkt schafft eine bleibende Verbindung zwischen den mit den Materialien verknüpften Inhalten, und führt somit Gewesenes und Zukünftiges, aber auch gegenwärtig Unvereinbares zusammen. In diesem Zusammenhang schaffe ich z.B. so genannte Menschenrechtsteppiche, für die ich Kleidung und Materialien von verfeindeten Völkern verwende.

Für „Magdalena München 2019, KNOT“ möchte ich mich mit Stoffen und Materialien von Frauen verschiedener Altersgruppen und Kulturen befassen, die ich miteinander verknüpfe. Die Arbeit besteht aus dem performativen Prozess der Herstellung und dem installierten Endprodukt.

Claudia Urrutia: “der Ursprung als das intime“

Claudia UrrutiaClaudia Urrutia ist Sängerin, Schauspielerin, Künstlerin sowie Lehrerin. Sie lebt und arbeitet in Clermont-Ferrand, Frankreich, wo sie Compagnie Zumaya Verde gründete. Der Karneval, Volksfeste, traditionelle Musik und soziale Kämpfe sind ihre Inspirationsquellen, um einen Akt des Widerstandes und des Feierns zu erschaffen.

Im Rahmen eines Artist in Residence-Stipendiums in der Villa Waldberta im August 2019 wird sie sich in Tanz, Gesang und Performance mit dem Thema „Verfehlungen gegen Mädchen und Frauen in Lateinamerika und weltweit“ beschäftigen. Präsentiert werden die Ergebnisse der Forschung während des Festivals.

Claudia war Teil der Magdalena Saison 2018, und zeigte „Rosa, Retrato de America Latina“ in HochX Theater. In der Performance Reihe „Break Through“ im Atelierfenster der Künstlerin Dorothea Seror, „Break through #21“- „Al Borde“ stellt den Beginn ihrer Forschung zum Thema dar und erzählt von der „ Villa Baviera“. Die Künstlerin beschreibt die Arbeit als einen Versuch, „Unser Gedächtnis zu durchdringen und die Mauer in einer Schwelle der Veränderung zu verwandeln“.

Zusammen mit Sylvie Marchand wird sie während Magdalena Knot außerdem von „ Voz Láctea“-Magdalena Tarahumara berichten, einem Magdalena Festival das im Mai 2018 in Mexico stattgefunden hat. Das Festival mit dem Thema „Muttersprache“ bot eine Plattform für den künstlerischen Austausch zwischen den lokalen Rarámuri Frauen und internationalen Künstlerinnen.

Barbara Carvalho: “Ein Korper auf der Welt“

Barbara CarvalhoBarbara Carvalho ist Schauspielerin, Performerin und Dozentin für Theater und Tanz. Sie ist in Salvador da Bahia aufgewachsen und kennt die Rhythmen, die das Leben der afro-brasilianischen Bevölkerung widerspiegeln, seit ihrer Kindheit. Ihre kreativen Techniken fokussiert sie auf Körpertheater, Theater der Unterdrückten (nach Augusto Boal), die Herstellung und die Verwendung von Maskentechniken, Präsenz, Körperbewusstsein und Rhythmusgefühl. Barbaras Erfahrungen reichen vom choreografischen Street Dance bis zur Erarbeitung von Solo- und Gruppenszenen und freier Performance. Sie organisiert seit über 10 Jahren pädagogische und künstlerische Projekte mit brasilianischem Tanz und Theater in der darstellenden Kunst und im Rahmen ihrer soziokulturellen Arbeit in Brasilien und Deutschland. Barbara Carvalho ist Mitglied des Ensemble der antagon theatherAKTion in Frankfurt.

“Ein Korper auf der Welt” ist eine Performance-Installation, inspiriert von den ersten Momenten der menschlichen Entwicklung und in Bezug auf die Flüssigkeit im Mutterleib, in der der neue Körper entsteht.

Eine Frau schwimmt in der Plastiktüte wie im ersten Moment ihres Lebens.

Sie teilt ihre Gefühle, Empfindungen und Fragen zu diesem neuen Leben in einem weiblichen Körper. Sie spricht mit ihrer Mutter, ist in Gedanken versunken und teilt gleichzeitig ihre Erfahrungen mit dem Publikum, bis sie die Tasche aufbricht und geboren ist.
Durch die Akteurin sprechen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft in einer innovativen, wilden und überraschenden Art.

Mit Verweisen auf Jemanjá – eine Wassergottheit aus der Yoruba-Religion -, die mütterlich und Frauenschützerin ist, verbindet die Aufführung das Publikum mit der mystischen und heiligen Atmosphäre des Mysteriums des Lebens. Bárbara Carvalho ist die Gründerin von „Magdalena Frankfurt“. Während unserem Festival werden wir über die vergangenen zwei „Magdalena Frankfurt“ Festivals und den zukünftigen Austausch mit „Magdalena München“ sprechen.

Josune Goenaga: Workshop: “The pleasure of being a ridiculous woman“

Josune GoenagaJosune Goenaga ist Schauspielerin, Clown, Regisseurin und Pädagogin. Sie studierte Schauspiel in Madrid (William Layton) und Clownerie in Paris (Philippe Gaulier), ausserdem Partner-Akrobatik an der nationalen Zirkus-Schule Havanna (Cuba). Mit ihrem Clown-Solo gewann sie Preise auf verschiedenen Festivals und spielt seit vielen Jahren in verschiedensten Theater-Produktionen in der Schweiz, Spanien und Deutschland. Mit dem Comedy-Duo Sally und Pirelli hatte sie zahlreiche Auftritte in Zirkus, Variete und Event. Josune hat für professionelle Theater-Gruppen Trainings organisiert, zahlreiche Workshops in verschiedenen Ländern gegeben und für Bühnen- und Manegenprogramme Regie geführt. Ausserdem hat Josune verschiedene Reisen gemacht mit Clowns Ohne Grenzen Deutschland und Pallasos sin Fronteras Spanien nach Kenia, Jordanien, Marokko. Josune hat in Spanien für den Tag der misshandelten Frauen ein Clown-Solo über das Thema geschrieben und gespielt. Ausserdem hat sie mit Joaco Martin „Clownas“ gegründet, ein Ensemble von weiblichen Clowns in Madrid.

Dieser Workshop ist für erwachsene Frauen, Anfänger und Bühnen-Profis, für Lehrerinnen, Pädagoginnen und Hausfrauen, für Frauen mit Humor und alle Frauen, die eine neue Seite von sich entdecken wollen. Über Spiele, Körperarbeit und Improvisation machen wir uns auf die Suche nach unserem individuellen Clown. Wir entdecken ihn in unseren authentischen Emotionen, unsere Schwächen werden zu Stärken, wir lassen unser inneres Kind frei. Scheitern macht Spass!!!

Wir werden eine andere Art von Theater kennen lernen und neue Techniken entdecken. Oder vielleicht ein neues Hobby? Aber sicher werdet ihr die Freiheit auch spüren!!! Auf der Bühne und warum nicht auch im Leben. Spass ist garantiert!

In den Jahren, die ich als professionelle Clownin unterwegs bin, haben mich immer wieder Menschen gefragt: Warum gibt es so wenige erfolgreiche weibliche Clowns? Obwohl in den Schauspielschulen und Clown-Workshops tendenziell viel mehr Frauen zu finden sind? Warum fällt es Frauen so schwer, ihren Impulsen freien Lauf zu lassen und zu lachen, zu schreien, den Körper frei zu lassen? Warum ist es schwieriger als Frau vulgär zu spielen? Warum haben wir Frauen da so viele Barrieren? Und viele Fragen mehr.

Ich habe mit den Clowns ohne Grenzen mit vielen verschiedenen Frauen Clown-Workshops durchgeführt (katholische Frauen, muslimische Frauen, in einem Frauen-Gefängnis, in einem Mädchen-Waisenhaus, einer Einrichtung für misshandelte Frauen…). Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass Clown-Erfahrungen wirklich etwas bewegen und verändern können. Soziale/politische/ religiöse Barrieren können für einen Moment abgeschüttelt werden. Über sich selbst zu lachen, kann eine befreiende Wirkung haben.

Deswegen werden wir versuchen, ohne schnelle Urteile zu arbeiten. Wir arbeiten mit Archetypen um herauszufin den, was uns Spass macht, was wir in uns tragen. Wir arbeiten mit unseren Verantwortungen, Sexualität, Unschuld, Kindheit… und wir lachen darüber! Wenn es jemand schafft über eine Tragödie zu lachen, dann ist das Problem schon gelöst. Deswegen arbeiten wir sehr nahe an den Themen, die uns als Frauen berühren. Es wird ein schöner Austausch!